Wir dürfen uns nicht sehr wundern, wenn unsere Gesellschaft Formen annimmt, die mit menschlichen Maßstäben nicht mehr zu begreifen sind. Nicht nur die treibende Kraft dieser Entwicklung -nämlich das Großkapital- auch nicht die Politiker, Beamte oder die Witzlosigkeit eines nationalen Ethikrats usw.… tragen an einer solchen Entwicklung die Schuld, sondern auch wir selbst. Wir haben den Fernsehkasten und damit die Heuchler in unsere Wohnungen hineingelassen und auf der anderen Seite unsere Privatsphären veröffentlicht. Wir selbst haben uns von MTV erziehen und von NTV informieren lassen. Dass die Gesellschaft nun an einem Punkt angekommen ist, an dem die Menschen täglich grenzenloser werden, ist nun das Ergebnis einer gepredigten Kultur, die keine Werte kennt. In der der Verzicht negativ und Tabulosigkeit romantisch rebellisch erscheint. Ein Mensch, der z.B. nie gelernt hat sich außerhalb der weltlich-staatlichen Regulierungen Grenzen zu setzen oder gar Selbstlosigkeit und Moral auszuüben, von dem ist auch nicht zu erwarten, dass er in hohem Alter bei seiner pervers entwickelten Lust an Kindern in weniger behördlich regulierten Staaten zurückhält. Weshalb denn auch? Die "Schweinepriester" der Spaßgesellschaft haben immer erklärt, dass alles was Spaß macht legitim sei, stets die Individualität des Menschen beschworen und die Kollektivität als Fessel der Unfreiheit vorgestellt. Im heiligen Namen der Freiheit haben sie eine dermaßen verwirrte Gesellschaft erschaffen, in der die Psychologen immer mehr für ihre Hilfs- und Ratlosigkeit die Taschen gefüllt bekommen müssen.
An der Förderung jeglicher Abarten in einer tragischen "Pervertierungsbefehlskette" spielen die Journalisten leider die geschmackloseste Rolle. Einerseits erziehen sie durch propagandistische Mittel die Gesellschaft in eine menschenunwürdige Charakterlosigkeit und andererseits bringen sie uns mit ihren Krokodilstränen die "schlechten Nachrichten" bzw. Teilergebnisse ihrer eigenen Werke. Einem dieser hinfälligen Figuren schrieb ich am 18.01.2006, als Stellvertreter der sogenannten freien Presse, in einem anderen und eher aussenpolitisch motivierten Zusammenhang den folgenden Brief:
Sehr geehrter Herr Dr. P.,
in Ihrer Meinung (speziell zum Thema Iran) spiegeln sich vor allem Ihre Gedankengänge, Ihre Mentalität und Ihre Lebensweise wider. Ich möchte nicht auf jedes einzeln eingehen, jedoch kann ich Ihnen in aller Kürze die Frohbotschaft übermitteln, dass man Sie zu Ihrem Geburtsort Deutschland nur beglückwünschen kann. Denn ich vermute, dass Sie an einem anderen Erdteil wohl kaum einen so schönen Doktortitel erlangt hätten.
Ich möchte Ihnen auch mitteilen, dass die Klasse Ihrer Geisteskraft und Ihr Wissensreichtum nicht nur so manch einen Mullah und die Mehrheit der möchtegern iranische Opposition eingeholt hat, sondern auch berühmte herzzerreißend infantile Persönlichkeiten wie Christiane Amanpoor, Roger Horne und selbstverständlich Herrn Ulrich Tilgner.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Geben Sie eifrig in der Öffentlichkeit Ihre Meinung ab und versuchen Sie bitte auch nicht die Rahmen des Trugbildes zu zersprengen. Denn allein der Versuch könnte für Ihre Knappheit weitere Durchlässe bedeuten, die in dieser tragischen Lage nicht gerade ätherisch sein dürften.
Am Ende möchte ich mich für Ihr enormes Interesse, aus den bekannten europäischen Motivationen, an unser so unwichtiges Land innig und wohlwollend bedanken und mich mit ein paar Zeilen eines ausgezeichneten deutschen Denkers an seine Geliebte von Ihnen verabschieden:
Glaube nicht, daß ich aus Dummheit
Dulde deine Teufeleien;
Glaub auch nicht, ich sei ein Herrgott,
Der gewohnt ist zu verzeihen.
Deine Nücken, deine Tücken
Hab ich freilich still ertragen.
Andre Leut an meinem Platze
Hätten längst dich tot gesch...!
Heinrich Heine